Das war der Ötzi!
„Gut
erholt“ vom Ötzi hier mein kleiner persönlicher Erfahrungsbericht.
Ich fuhr
mit dem Pauli um 19Uhr von Salzburg weg, just in Time (Fünf
Minuten nach 22Uhr) kamen wir in Sölden an und holten – bis 22Uhr möglich -
uns noch unsere Startnummern und das Startpaket (das übliche Glumpert) ab.
Um 23Uhr genehmigten wir uns noch je eine kleine Pizza und 2 Seiterl. Danach
Schlaffen, zumindest ich - da Pauli von meinen angeblichen Schnarrchen
etwas gestört wurde, wir hatten ja am nächsten Tag ein bisschen was vor!
Nach
einem kleinen Frühstück (mitten in der Nacht um 5Uhr!), bereiteten wir
unsere Räder renngerecht auf, die Startnummer mit integriertem Chip musste
vorne am Lenker mittels Draht oder Klebeband gut sichtbar optisch korrekt
angebracht werden (wir Rennradfahrer müssen ja Ästheten sein, hat mal einer
gesagt!).
Um
dreiviertel Sieben ging es dann los, meine Mitstreiter (Pauli, Sepp,
Felix und Toni) hatte ich bereits jetzt aus dem Auge verloren, die waren
schon wohl etwas nervös wegen einem idealen Startplatz!?
Relativ
diszipliniert aber doch recht flott ging es mitten unter rund 3700
Verrückten dann durchs Ötztal, wobei nach ein paar Kilometern das Feld
zu stocken kam, da es einen kleineren Massensturz gab. Ein paar
RadlerInnen saßen verletzt am Strassenrand, für einige davon war der Ötzi
jetzt schon zu Ende!
Ich war
froh, selbst heil zu sein, trotz Konzentration und Aufpassen ist man nie
davor gefeit, in einen Sturz verwickelt zu werden.
In Ötz
ging es nun das erste Mal bergauf, hier würde sich zeigen, ob ich an diesem
Tag gute oder schlechte Beine habe. Nach cirka 1 Kilometer blieb ich
kurz stehen und zog meine Windjacke aus, ich war schon nahe meiner
Betriebstemperatur! Das Feld war noch riesig, manch Übereifriger musste sich
zum Ärger Aller unbedingt mit Gewalt nach vorne drängen, obwohl es wirklich
eng war.
Ich nahm
es halbwegs gelassen hin, fuhr einfach meinen Rhythmus. Nach dem
Ochsengarten ging es erstmals richtig zur Sache, für mich das steilste
Stück (14%) der ganzen Tour! Meine SRAM half mir mittels Übersetzung
36/26, mehr ging nicht! Oben angekommen (nach 1200 Höhenmetern) machte ich
Halt bei der ersten Labestation, gab meinen Körper, was er brauchte,
MANNER-Schnitten sollen ideal sein, hat mir jemand verraten.
Weiter
ging es, der schönste Teil der ganzen Runde: runter vom Kühtei mit vollem
Karacho! Ich habe rund fünfzig Plätze gutgemacht, fuhr teilweise
Geschwindigkeiten bis knapp an die 90 Km/h (was sich aber als gar nicht so
schnell herausstellte, der Felix und der Toni fuhren locker über 95!).

Bis
Innsbruck zersplitterte sich das Feld einigermassen, ich versuchte
Windschatten zu erhaschen, ohne jedoch meinen Rhythmus allzu sehr zu
überstrapazieren. Ranfahren kostet Kraft, und das ist das wenigste was ich
habe. Nichtsdestotrotz, mitten in Innsbruck führte ich ein Feld von
mindestens 50 Leuten an, das hat mir gerade noch gefehlt!!

Beim
Anstieg zum Brenner, ging ich aus der Führung raus, zögerlich fuhren
einige vor.
Irgendwann hatte ich meine Frequenz gefunden, und nach vorne hin gab es jede
Menge Gruppen, wo man ein bisschen mitfahren konnte. Ich schloss mich zwei
jüngere Typen mit einer roten Icehouse-Dress an, diese machten ein auch für
mich gutes Tempo, ein Dritter, mit blauem Mc Donalds Logo, war auch mit von
der schnellen Truppe. Ich war mir nicht sicher, ob ich da mitgehen kann,
aber meine Atmung sagte mir, dass es passt.
Auf dem
Weg zur Passhöhe ging ich die Strecke noch mal im Kopf durch, ich wusste,
ich muss es unbedingt bis auf den Jaufenpass schaffen. Wenn ich bis dorthin
nicht überdrehe, dann werde ich mich wohl auch noch auf das Timmelsjoch
raufschrauben!
Obwohl
ich die Strecke ja kannte, zog sich der Brenner endlos lang hin, bis am
Schluss endlich diese letzte, etwas steiler ansteigende Kurve sichtbar
wurde. Oben angekommen, nichts wie hin zur Labestelle, einer der
beiden Icehouse Fahrer wechselte ein paar Worte mit mir, was mich insofern
freute und moralisch aufbaute, weil es für mich eine Art Anerkennung war so
wie: „der Alte ist gar nicht so schlecht!“ Nach kurzer Rast
(inklusiver erster und einziger Pinkelpause) ging es runter nach Sterzing,
von der Abfahrt war ich eher enttäuscht: kaum Geschwindigkeit und gleich
unten.

Als
nächstes rauf auf den Jaufenpass, ich hatte keine Ahnung mehr von
früher, wie weit es raufging, ich fuhr einfach stoisch vor mich hin und
hoffte, irgendwann an der Baumgrenze zu sein, dann konnte es ja nicht mehr
weit sein!? Ein gewisser Tom Johnen (Name hab ich mir gemerkt, weil
Ähnlichkeit mit Tom Boonen) fuhr eine Zeitlang auf gleicher Höhe mit mir,
mit extrem hoher Trittfrequenz, trotz härterem Gang konnte ich ihn
irgendwann nicht mehr halten. (Wie sich später herausgestellt hat, war er
eine halbe Stunde vor mir im Ziel.)

Endlich,
nach einer halben Ewigkeit oben angekommen, die Sohlen (ich zog die
Schuhe gleich aus), und das linke Knie taten weh, das Kreuz
ebenso, trank ich Pepsi und Wasser, stopfte einiges Zeug in mich hinein,
allerdings auch wieder nicht zuviel, da ich ja genau wusste, nicht mit einem
vollen Bauch den letzten, den schwierigsten Anstieg angehen zu können. Bis
unten in St.Leonhard sollte ich das meiste schon verdaut haben!
Bei der
Abfahrt vom Jaufen habe ich sicher wieder etwas gutgemacht, obwohl die
Strasse gesperrt war, bin ich doch einigermassen auf Sicht gefahren, man
weiß ja nie!
Unten
angekommen wusste ich, der Ötzi würde für mich jetzt erst richtig beginnen!
In meiner
Euphorie habe ich mit einer Auffahrtszeit von gut 2 Stunden
gerechnet, als ich aber unten jemanden fragte, wie weit es denn hoch geht
und der mir antwortete: „30 Kilometer!“, da wusste ich, dass es wohl
ein bisschen länger dauern würde! Bei den ersten Steigungen kam ich bald mal
auf eine Geschwindigkeit von unter 8 KM/H, so konnte ich mir
ausrechnen, was mir noch blüht!
Nachdem
all meine Daten nun ausgewertet sind, war es interessant für mich zu sehen,
dass ich auf den Jaufenpass und auf das Timmelsjoch (bei einem
angenommenen Einzelbergzeitfahren) exakt dieselbe Platzierung habe, nämlich
jeweils 2224er. Subjektiv kam mir am Timmelsjoch vor, dass doch sehr viele
vorbeigefahren sind. Andererseits standen auch jede Menge TeilnehmerInnen
erschöpft am Strassenrand und waren fertig mit sich und der Welt.
So gerne
hätte ich mich auch dazugestellt, aber ich wusste, wenn ich das mache, dann
würde ich mich so richtig verzetteln. Mein Ziel und auch mein fester Wille
war, dass ich nur an den offiziellen Labestationen Halt mache, auch wenn es
mir bis dahin noch so schwer fällt!
Obwohl
ich mental gut vorbereitet war, empfand ich das Teilstück von St.Leonhard
bis zur Labestation in Moos als das Schlimmste, unten war es noch sehr heiss
(Beginn des Anstiegs knapp nach 14Uhr), die Steigungen erschienen mir auch
immer steiler (habe aber nie halluziniert!)
Im
Endeffekt war es wohl nicht mein Wille, sondern mein Dickschädel,
der mir nicht erlaubte, das Rad auf die Seite zu stellen, zu trinken und
einfach mal ein paar Minuten durchzuatmen!! Absteigen bedeutet für mich
aufgeben, auch wenn ich später weitergefahren wäre.
So biss
ich also die Zähne zusammen und kämpfte mich mühevoll bis zur Labestation.
Dort setzte ich mich auch kurz an den Strassenrand, nachdem dort das Sitzen
aber nicht bequemer war wie auf dem Sattel, fuhr ich nach kurzer Pause
weiter.
Die
letzte Labestation liess ich aus,
zu Trinken hatte ich noch genug, kurz vor Schluß wollte ich nicht mehr
meinen Rhythmus verlieren. Irgendwann kam dann der Tunnel, erst nach der
Durchfahrt realisierte ich, dass ich es schon geschafft hatte! Das
Flachstück bis zur Passhöhe war dann ein Klacks, ich war einfach
überglücklich, oben zu sein!
Genau auf
der obersten Stelle der Tour begann es zu regnen, was mich aber nicht mehr
sonderlich störte. Blöd war nur, dass die Abfahrt nicht mehr in voller
Geschwindigkeit ging. Das kostete mich sicher 2-3
Minuten, aber unter 11 Stunden hätte ich es vermutlich auch bei
voller Fahrt nicht geschafft.
Im
Widerspruch zu meiner Erinnerung war der Gegenanstieg nach der ersten langen
Abfahrt endlos lange, aber was sollte ich machen, ich hatte es ja schon
geschafft! Bis ins Ziel nach Sölden gab es auch noch einige „Schmierer“,
auch die hatte ich aus meinem Gedächtnis gestrichen, trotzdem machte ich
noch Platz um Platz gut, da manche gar ängstlich runter fuhren.
Ich war
dann fast überrascht, als ich die Häuser von Sölden sah, auf der Geraden vor
der Zielkurve merkte ich, dass sich noch einer anschlich, gerade als wir
antreten wollten, schob so ein „Tilo“ (der war wohl auch geistig
fertig!) sein Rad über den Zebrastreifen. Der mich Attackierende ärgerte
sich mit mir, ein kleiner Sprint wäre sicher noch lustig geworden (oder wir
wären beide vielleicht in der letzten Kurve gestürzt!?). So ließ ich ihm
gerne den Vortritt, ich war froh, heil und in einer für mich akzeptablen
Zeit diesen Marathon beendet zu haben.

Alles in
Allem war es eine Mordsschinderei, ein wenig stolz bin ich aber
trotzdem, meinem Rekordjahr so einen Höhepunkt aufgesetzt zu haben,
meint
Euer Hans R.
PS.: Nun
ist gut eine Woche vergangen, ich habe gut und schnell regeneriert, trotzdem
glaube ich nicht, dass ich mir den „Ötzi“ nochmals antue! Aber an alle (Präsi
etc.), die gezweifelt haben (und noch zweifeln), ob sie es schaffen:
„Wenn
ich Wabbler es schaffe, dann schafft Ihr es locker! Also ran an die Hügel
!!!“